Sieben Kinder lächeln in die Kamera
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Auf dem Weg zu Soft Skills: Das Kaufhaus

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia definiert Soziale Kompetenz folgendermaßen: 

 

„Soziale Kompetenz, häufig auch Soft Skills (...) genannt, bezeichnet den Komplex all der persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, die dazu beitragen, individuelle Handlungsziele mit den Einstellungen und Werten einer Gruppe zu verknüpfen und in diesem Sinne auch das Verhalten und die Einstellungen von Mitmenschen zu beeinflussen. Soziale Kompetenz bezeichnet somit die Gesamtheit der Fertigkeiten, die für die soziale Interaktion nützlich oder notwendig sind.“

 

Wenn wir unserem Kind Fertigkeiten für sein späteres Leben mitgeben wollen, die ihm das Fortkommen in seiner Umgebung erleichtern können, dann gehört Soziale Kompetenz ganz sicher zu den entscheidenden Fähigkeiten. Leider muss man immer wieder feststellen, dass es gerade hier vielen Jugendlichen entscheidend mangelt. Das zeigt sich im Kindergarten und dann in der Schule, wenn das Zusammenleben mit den Anderen nicht klappen will.

 

Antoine de Saint-Exupéry sagt: „Der Mensch wird nur die Welt gewahr, die er schon in sich trägt“! Das heißt, Sie müssen Ihrem Kind die entscheidenden Eigenschaften mitgeben, die es für das Leben braucht!

 

Natürlich gibt es zahllose Vorgehensweisen, die hier angewendet werden können. Wir wollen einen kleinen Teilaspekt herausgreifen und dafür eine eigene Strategie entwickeln: Die Familie ist das erste soziale Gefüge, die das Kind kennenlernt und in die es sich hinein entwickeln sollte. Es muss seinen Platz in der Hierarchie und seine Aufgaben kennen und akzeptieren lernen. Gerade bei den Aufgaben gibt es in vielen Fällen ständigen Streit, so z.B. um die  Mithilfe im Haushalt, um das Aufräumen des eigenen Zimmers, usw. Ist es bei „unbelasteten“ Kindern schon ermüdend, wird diese Diskussion bei hyperaktiven Kindern schnell zum mittleren Familiendrama. Selbst geduldigen Eltern platzt hier schon mal der Kragen. Wenn sich der Streit ungünstig entwickelt, kann sehr viel Porzellan zerschlagen werden.

 

Vor langen Jahren haben wir unserer damals dreijährigen Tochter manchen von ihr ungeliebten Vorgang durch eine Absprache „schmackhaft“ gemacht: Komm, wir machen ein Geschäft – wenn Du jetzt ohne Theater ins Bett gehst, lese ich Dir eine besonders schöne Geschichte vor! Oder beim Autofahren: Wollen wir ein Geschäft machen? Du redest jetzt mal nicht mehr pausenlos, bis wir nach Hause kommen (Restfahrtstrecke ca. ein Kilometer!), dann darfst du zu Hause noch eine Pumuckel-Kassette anhören (das hat sie leider nie durchgehalten!).

 

Diese Vorgehensweise wurde ihr  aber so geläufig, dass sie selbst entsprechende Absprachen vorschlug, sie traf zwar nicht das richtige Wort, aber ihre Absicht war klar: Komm, wir machen ein Kaufhaus...!

 

Um bei Ihrem Kind das Bewusstsein für seine Aufgaben innerhalb der Familie zu entwickeln und zu schärfen, schlagen wir Ihnen vor, entwickeln Sie mit uns die „Kaufhaus“-Strategie, als eine Absprache unter Gleichberechtigten. Es wird nicht jedes Kind verlässlich darauf ansprechen, aber im Grund lechzt jeder junge Mensch danach, ernst genommen zu werden. 

 

Die Voraussetzung ist ein einigermaßen ungestörtes Vertrauensverhältnis – wenn Sie mit Ihrem Kind nur im Befehlston verkehren, werden Sie wohl keine gemeinsame Basis finden.

 

Idealer Ausgangspunkt wäre ein Gespräch über die Erhöhung des Taschengeldes, solch ein Thema steht ja immer wieder an. Bringen Sie die Rede darauf und schlagen Sie eine deutliche Anhebung um einen nennenswerten Betrag vor. Natürlich können Sie eine Gegenleistung erwarten – wenn Sie dabei  Erfahrungen aus Ihrem eigenen Leben anführen können, um so besser: Vielleicht haben Sie irgend wann eine Gehaltserhöhung bekommen und mussten dafür mehr  Verantwortung übernehmen!

 

Das gäbe einen guten Aufhänger.

 

Natürlich setzt diese Strategie voraus, dass Ihr Kind überhaupt Taschengeld bekommt! Wir sind der Überzeugung, dass ein Kind den richtigen Umgang mit Geld gar nicht früh genug lernen kann. Spätestens wenn die Kleinen in die Schule kommen, sollten sie eine Vorstellung haben, was man für 10 Cent oder einen Euro bekommt, bzw. wie schwer es sein kann, diese Summe zu verdienen!

 

Welche Arbeiten stehen in Ihrem Haushalt an, die Sie unnötig Zeit kosten und die von Ihrem Sohn, Ihrer Tochter übernommen werden könnten? Samstags den Hof oder die Straße kehren?Regelmäßig den Müll oder das Leergut runterbringen? Den Mittagstisch decken oder abspülen? Den kleinen Bruder vom Kindergarten abholen? 

in puncto Taschengeld:


Da wir gerade beim Taschengeld und der Sozialen Kompetenz sind, hier ein Gedanke den Eltern von etwas größeren Kindern weiter verfolgen könnten:  Wir hören immer häufiger, dass Erwachsene jegliche Übersicht über ihre Ausgaben verlieren, weil es halt so einfach ist, bargeldlos zu zahlen. Aber auch hier gilt der alte Spruch: Übung macht dem Meister! 

Sorgen Sie beizeiten  dafür, dass Ihr Kind auch darauf vorbereitet ist, das kann z.B. mit einer virtuellen Kreditkarte geschehen. Diese kann wie eine Prepaidkarte beim Handy mit einem bestimmten Betrag aufgeladen werden und der Nachwuchs kann dann online shoppen. Die aktivierbaren Sicherheitsfeatures verhindern eine Verschuldung - ist das Guthaben verbraucht, kann nicht weiter eingekauft werden. Ein Lerneffekt, der spätere Pleiten im Leben verhindern kann.

 

Es gibt zahllose altersentsprechende Tätigkeiten, die von Kindern oder Heranwachsenden übernommen werden können, ohne dass man sich den Vorwurf machen müsste, man würde seine Kinder ausnützen. Das ist hiermit nicht gemeint,  und das lehnen wir auch rundweg ab!

Zu den Gegenleistungen, die wir erwarten können, zählen auch Tätigkeiten aus dem direkten Umfeld unserer Kinder, wie z.B. Aufräumen des Kinderzimmers oder auch nur des gerade verwendeten Spielzeugs, bei den Älteren das Einräumen der gewaschenen Wäsche, bzw. das Wegbringen der gebrauchten, usw.

 

Keinesfalls dürfen Schulnoten damit verknüpft werden! Wenn Sie von einem Legastheniker fordern, dass er im nächsten Deutschdiktat nur noch 10 und keine 30 Rechtschreibfehler machen darf, dann verlangen Sie Unmögliches! Sollten Sie ein Bein in Gips haben, wird von Ihnen auch niemand erwarten, dass Sie die 100 m in unter 10 sec. laufen! Jede Verknüpfung von schulischen Leistungen mit der Höhe des Taschengeldes erhöht auf unzulässige Weise den Stress, dem die Kinder sowieso schon viel zu sehr ausgesetzt sind. 

 

Vermutlich sind es in erster Linie die Mütter, die hier tätig werden: Schildern Sie Ihrem Kind wie Sie sich fühlen, wenn Sie alles alleine machen müssen, wie gerne Sie auch einmal alle Fünfe gerade sein lassen möchten und wie sehr es Ihnen helfen würde, wenn der Sohn, die Tochter irgend eine kleine (oder auch grössere) Arbeit übernehmen würde – wie gesagt, der Umfang hängt vom Alter ab! Selbst ein dreijähriges Kind kann schon kleine Arbeiten übernehmen, wie z.B. die Kaffeelöffel auf den Tisch legen – es soll ja an die Regelmäßigkeit der Hilfe gewöhnt werden! (Die Belohnung für das genannte Dreijährige ist die zusätzliche Geschichte,  die vorgelesen, oder das Spiel, das gemeinsam gespielt wird.)

 

Kommen wir zu den größeren Kindern zurück. Jetzt verknüpfen Sie die Erhöhung des Taschengeldes mit den  genannten Arbeiten. Der Grundgedanke ist - wie in der großen Politik - Arbeit muss sich lohnen! Nehmen wir an, bislang habe das Taschengeld  10 Euro monatlich betragen, und Sie hatten eine Erhöhung um 5 Euro in Betracht gezogen. Wenn es das Familienbudget zulässt,  sollten Sie 18 oder 20 Euro ins Auge fassen, das ist eine Steigerung, die den Nachwuchs gewisse, damit verbundene Einschränkungen übersehen lässt!

 

Bleiben wir bei den 20 Euro: Acht Euro wären dann der Sockelbetrag, der immer ausbezahlt wird, 12 Euro sind leistungsabhängig! Der Sockelbetrag sollte immer deutlich unter dem bisherigen Taschengeldsatz liegen, damit sich „Leistungsverweigerung“ bemerkbar macht. Für den großen  Rest wird ein Leistungskatalog vereinbart (und Vereinbarung heißt, dass beide Seiten einverstanden sein müssen, also auch das betroffene Kind), und diese Vereinbarung wird schriftlich fixiert:

 

Beispiele: 

  • Freitag Abend wird das Kinderzimmer aufgeräumt – je Woche ein Euro, also 4 Euro insgesamt
  • Samstag wird der Hof gekehrt - je Woche ein Euro, also 4 Euro insgesamt
  • Ein Mal Kellerflur putzen - 3 Euro
  • Beim monatlichen Kaffeeklatsch der Mutter mit der kleinen Schwester spielen – 4 Euro

Je ungeliebter die Tätigkeit, desto höher der finanzielle Gegenwert, damit der Anreiz groß genug ist. Man darf es aber keinesfalls dahin kommen lassen, dass der kindliche Beitrag zum Familienleben nur noch durch Geld bestimmt wird! Über die vereinbarten regelmäßigen Tätigkeiten hinaus können und müssen noch weitere kleine Hilfen eingefordert werden!

 

Irgendwo, z.B. in der Küche, hängt die „Leistungsliste“, z.B. ein Kalender oder eine Tabelle, in die  die Tätigkeiten eingetragen werden, sobald sie erbracht wurden, am Besten in „Cent und Euro“, weil das vor allem bei den Kleineren einen wesentlich direkteren Bezug zwischen auszuführender Arbeit und erzieltem Entgelt herstellt, Ihr Kind kann jederzeit ablesen, wie viel Taschengeld es bekommen wird! Zu dem Zeitpunkt, an dem Sie das neue Taschengeld ausbezahlen, wird abgerechnet. Bleiben Sie konsequent – wurde z.B. das Zimmer zwei mal nicht aufgeräumt und nicht, wie abgemacht während Mutters Kaffeeklatsch mit der Schwester gespielt, gibt es eben nur 14 Euro, egal ob eigentlich jetzt eine neue DVD zu kaufen geplant war oder nicht. Schließlich erwartet der Nachwuchs ja auch die vereinbarte Entlohnung für seine Tätigkeiten!

 

Speziell beim hyperaktiven Kind bietet diese Absprache einen großen Vorteil: Sie müssen die Leistungen, die das Kind erbringen soll, nicht explizit einfordern, was fast immer Widerspruch auslöst, sie stehen unausgesprochen im Raum, bzw. hängen in Form der bekannten Tabelle an der Wand. Fragen Sie, falls das Zimmer nicht aufgeräumt wurde, Ihren Mann oder das Geschwisterkind in seinem Beisein mehr oder weniger auffällig: Wann gibt es eigentlich das nächste Taschengeld? Sollte es Geschrei geben – beruhigen Sie Ihr Kind: Du musst ja nicht aufräumen! Wenn nicht dieses, so doch das nächste oder übernächste Mal, wenn das Taschengeld nicht so üppig ausfällt wie sonst, wird ein Denkprozess ablaufen, der ein positiveres Ergebnis haben wird, als es je nach einem Streit möglich wäre!

 

Natürlich muss man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass trotz drohenden Verlustes eines Großteils des Taschengeldes die vereinbarten Arbeiten kaum oder gar nicht ausgeführt werden. Dann sollte man sich Gedanken um mögliche Hintergründe machen: Fordert man zuviel oder nicht altersgerechte Leistungen oder steht das Kind unter zu großem psychischem Stress? Natürlich ist auch durchaus vorstellbar, dass Ihr Kind auf diese Strategie nicht anspricht, auch dann sollten Sie nach möglichen Ursachen forschen und andere Möglichkeiten suchen, Ihrem Kind die Mitwirkung in der Familie schmackhaft zu machen.

 

Man sollte einem Kind NIE das gesamte Taschengeld streichen, die Gefahr, dass das unerfreuliche Konsequenzen nach sich zieht, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn Sie aber den größeren Teil des Taschengeldes von einer genau definierten Mitarbeit im Familienverbund abhängig machen, gewöhnen Sie Ihr Kind beizeiten an eine gewisse soziale Verantwortung, die ansonsten – in vielen Familien – nur mit sehr viel Kampf eingefordert werden kann.

 

Gegen unser „Kaufhaus“ spricht, dass eigentlich Selbstverständliches, eben dieses Mitwirken in der Familie, erst durch Geldzuwendungen erkauft wird. Andererseits sind wir von der Situation in vielen Familien ausgegangen, wonach die von den Eltern erwartete Mithilfe kaum je freiwillig erbracht wird. Bevor der Familienfrieden tagtäglich auf's Neue in Gefahr gebracht wird und irgend welche Tätigkeiten des Kindes nur durch Druck und böse Worte erzwungen werden, ist die Verknüpfung mit der Höhe des Taschengeldes wesentlich effektiver und zuträglicher für die Stimmung. Und - last, but not least - lernt der Nachwuchs dadurch den Wert des Geldes besser einzuschätzen! Das Geld, das man durch seiner Hände Arbeit verdient hat, rinnt niemals so leicht durch die Finger, wie das, das ohne eigenes Zutun – scheinbar unerschöpflich – regelmäßig fließt. 

 

Merke:: Kommen wir wieder zu unserem Eingangsgedanken, der Sozialen Kompetenz, zurück. Mit unserer „Kaufhaus“-Strategie lernt das Kind, Aufgaben in seiner sozialen Gemeinschaft zu übernehmen, selbst wenn das zunächst auf einer Belohnungsbasis erfolgt. Soziale Kompetenz wird in zunehmendem Maße als Schlüsselqualifikation für beruflichen Erfolg gesehen, wir können also davon ausgehen, dass wir eine positive Entwicklung anregen, wenn wir unser Kind in diese Richtung anleiten. Und wenn Sie sich an den Vereinbarungscharakter unserer „Kaufhaus“-Strategie halten, also z.B. auch einmal eine Tätigkeit auf Wunsch der „anderen Seite“ höher in Cent und Euro bewerten, dann lernt Ihr Kind die Bedeutung des Kompromisses schätzen, ohne den unser Leben nicht denkbar ist, dann bekommt es eine unbezahlbare Lektion in praktizierter Demokratie und Sie die Möglichkeit, künftighin Probleme durch eben diese Kompromisse zu lösen. Zum Abschluss ein chinesisches Sprichwort: „Leicht ist es, ein Reich zu regieren, aber schwer, eine Familie“!

 

 

 

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