Mein Kind ist Legastheniker und kann deshalb nicht lernen!
Früher konnten Sie sich niemals vorstellen, daß Ihr Kind einmal Schulprobleme haben würde, weil es pfiffig und aufgeweckt war - heute fallen die schulischen Leistungen immer weiter ab und es leidet an Versagensängsten. Haben Sie vielleicht sogar schon den Verdacht auf Legasthenie?
Wenn durch einen Intelligenztest Ihre Annahme einer guten oder überdurchschnittlichen allgemeinen Begabung bestätigt werden konnte und eine große Diskrepanz zu den schulischen Leistungen in Deutsch besteht, Ihr Kind dauernd Buchstaben verwechselt, spiegelverkehrt schreibt und Buchstaben in Wörtern ausläßt, ein (Kurzzeit-) Gedächtnis wie ein Sieb zu haben scheint, dann liegt die Vermutung einer Legasthenie sehr nahe.
Die Diplom-Psychologin Dr. Edith Klasen schreibt in ihrem sehr empfehlenswerten Buch “Legasthenie - umschriebene Lese- Rechtschreib-Störung”(1) (Piper, München, 1995): “Es gibt nicht die Legasthenie; es gibt nicht den Legasthenietest, mit dem man sie feststellen könnte; es gibt auch nicht die Legasthenietherapie, mit der man alle heilen könnte.”
Das können wir voll und ganz unterstreichen. Wir haben mit Legasthenikern in den ersten Grundschulklassen erstaunliche Erfolge erzielt: Wird beizeiten begonnen, die Kinder nach ihren Bedürfnissen individuell zu fördern, ist es durchaus möglich, einen Legastheniker - ohne Sonderstellung in der Schule - so weit zu bringen, daß er es aus eigener Kraft zum Abitur schafft. Siehe Fallbeispiele Sven und Stephan. Selbst bei schwerer Legasthenie (und Dyskalkulie) sind bei gezielter Unterstützung erfreuliche Fortschritte möglich, siehe Fallbeispiel Carolin.
Wird die Möglichkeit verspielt, die sprachliche Entwicklung in Deutsch von den ersten Grundschulklassen an entsprechend zu unterstützen, ist es mit üblichem Aufwand (also etwa zwei Wochenstunden) nicht mehr möglich, die Mängel, die sich hier aufgetan haben, so weit zu beseitigen, daß die Kinder später den Anforderungen der Mittelstufe genügen könnten (Beispiel Torsten), von denen einer weiterführenden Schule ganz zu schweigen. In Englisch konnte Torsten von Anfang an betreut werden - und entsprechend gut waren seine Ergebnisse bis hin zur mittleren Reife.
Die Bedeutung, die beim Legastheniker einer begleitenden sprachlichen Förderung von Beginn an zukommt, wird auch durch das Beispiel eines Erwachsenen (42 Jahre) unterstrichen, der nur eine Handvoll Buchstaben kannte. Er hatte als Analphabet die Schule verlassen und sich ohne irgendwelche Lese- oder Schreibkenntnisse durchs Leben geschlagen. Binnen zwei Jahren war es nur möglich, ihm so weit Lesen beizubringen, daß er sich endlich selbst orientieren und auf normalem Weg den Führerschein erwerben konnte. Alle anderen diesbezüglichen Fertigkeiten, wie Schreiben, oder sich hochdeutsch auszudrücken, waren mit einem Aufwand von einer Wochenstunde nicht realisierbar. Damit wollen wir unterstreichen, wie wichtig es für einen Legastheniker ist, mit den Hilfen frühestmöglich zu beginnen!
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Merke: Je früher für einen Legastheniker die Förderung einsetzt, desto größer sind die Chancen, eine einigermaßen normale Schulkarriere zu durchlaufen.
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