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Mechthid Pflug
Familien-, Paar- und Lerntherapeutin

Frau St. mit Tochter Karen

Frau St. führt mit ihrem Mann ein Textilgeschäft in einer mittelgroßen Stadt. Sie kommt ebenfalls aus einem Geschäftshaushalt und hat ihre Mutter eigentlich nur als Person in Erinnerung, mit der und für die man arbeitete. Daß man Zeit für Kinder haben konnte, war ihr zeitlebens fremd. Genauso handhabt sie es heute mit ihrem eigenen Nachwuchs, drei Töchtern.

Dem Geschäft hat sich alles unterzuordnen, das Geschäft, bzw. sein Florieren dominiert das Leben der Familienmitglieder, menschliche Wärme ist ein Fremdwort. Die Töchter haben noch nie im Leben dem Vater auf dem Schoß gesessen und mit ihm geschmust, selbst in frühester Jugend nicht. Und die Mutter hat noch nie einer Tochter gesagt, ich habe dich lieb....

Der Ton untereinander ist zynisch, herablassend. Wer von den Geschwistern eine Gelegenheit findet, dem anderen eins auszuwischen, nützt sie.

In dieser gefühlskalten Umwelt sucht jeder seine eigenen Überlebensstrategien. Frau St. hat sie in der Perfektionierung ihres Haushaltes gefunden, in der peinlichen Ordnung, die dort herrscht. Diese Akkuratesse, für die sie im ganzen Haus, in allen Zimmern und Schränken sorgt, fordert sie auch vom Rest der Familie. Das ist ihr so wichtig, daß sie mit ihren Töchtern tägliche Auseinandersetzungen deswegen führt.

Eines Tages sitzt Frau St. mit ihrer mittleren Tochter bei mir, vordergründig, weil die Leistungen in Englisch zu wünschen übrig lassen, aber es stellt sich bald heraus, daß die 14-jährige Karen noch immer Bettnässerin ist!

Bereits in der ersten Stunde zeichnen sich die oben skizzierten Umstände ab. Ich führe deshalb die Gespräche mit Mutter und Tochter jeweils alleine weiter.

Nachdem bei Karens Bettnässen von ärztlicher Seite jede medizinische Ursache ausgeschlossen worden war, blieb bei Kenntnis der familiären Situation nur noch ein “Weinen durch die Blase” übrig. Um Abhilfe zu schaffen, muß ich mit Frau St. entsprechend arbeiten; ohne ihre nachhaltige Bereitschaft zur Verhaltensänderung ist keine Verbesserung möglich. Gleichzeitig muß Karen psychisch aufgebaut werden, muß sie ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln. Das erreichen wir mit Englisch. Durch einen auf ihre speziellen Bedürfnisse abgestimmten Defizit-Abbau kann sie ihr Leistungspotential so weit steigern, daß gleich die nächste Klassenarbeit statt mit der obligatorischen 4 mit einer 3 bewertet wird!

Mit Frau St. mache ich eine Altersrückführung auf kinesiologischer Basis. Es stellt sich heraus, daß sie an den zwanghaften Ordnungsfimmel ihrer eigenen Mutter traumatische Erinnerungen hat. Erfreulicherweise ist sie sehr aufgeschlossen und offen für alle Erläuterungen. So kann ich ihr klarmachen, daß man häufig Verhaltensweisen, die man bei der eigenen Mutter strikt abgelehnt, ja hassen gelernt hat, instinktiv, ohne sich dessen bewußt zu sein, bei den eigenen Kindern wiederholt.

Dann arbeiten wir heraus, daß ein Kind kein gesundes Selbstbewußtsein entwickeln kann, wenn es sich stets nur mit Forderungen konfrontiert sieht, ohne daß im Erfolgsfall ein Lob folgt, mit Kritik aber nie gespart wird. Ich mache ihr klar, wie wichtig für das Kind der Satz ist: Ich habe dich lieb. Jetzt ist sie auch in der Lage zu verstehen, weshalb Bettnässen als Weinen durch die Blase bezeichnet wird. Wir erarbeiten Strategien für Verhaltensweisen im Alltag, die eine allmähliche, emotionale Annäherung zum Ziel haben. Sie bekommt konkrete Anleitungen für Gespräche und Reaktionen bei Alltagssituationen.

Frau St. hält sich peinlich genau an die erarbeiteten Vorgaben und verzeichnet bereits nach der ersten Woche eine allgemein entspanntere Familiensituation.

Und wenige Wochen später kann ich eine deutliche Verhaltensänderung bei Karen feststellen: Sie wirkt nicht mehr deprimiert und schüchtern - sie kann jetzt aus sich herausgehen, von sich erzählen und lachen.

Nach vier Monaten ist auch das Bettnässen kein Thema mehr.

 

Merke: Wer die Prioritäten falsch setzt, darf sich nicht wundern, wenn “die Kinder Probleme machen”!

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