Erwartungshaltung der Eltern
Für das Anspruchsdenken der Eltern konnten wir im Lauf der Jahre eine Reihe von Gründen verzeichnen. Die wichtigsten sind:
- Beide Eltern oder zumindest ein Elternteil sind Akademiker mit dem vom Prestige geprägten Anspruch an ihr Kind, es ihnen gleich zu tun. Dabei spielt es für sie sehr oft keine Rolle, ob sich das Kind beim Lernen “schwer tut” oder alles “mit links” macht. Für die Eltern zählt nicht das Bemühen, sondern nur das Ergebnis, sprich die Note. Werden die geforderten Leistungen nicht so problemlos erbracht wie erwartet, klafft die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit immer mehr, steigt der emotionale Streß kontinuierlich an..
- Die Eltern haben selbst ”nur” den Hauptschulabschluß oder “nur” die Realschule geschafft und leiden als Erwachsene unter dieser Tatsache. Sie wollen ihrem Kind das gleiche Schicksal ersparen und drängen auf einen Abschluß, der mindestens eine Stufe “höherwertiger” ist! Sie denken, Erfolg wäre schon durch ausreichendes Üben gewährleistet und erzeugen damit permanenten Druck auf ihr Kind.
- Eltern mit mehreren Kindern, bei denen das erste Kind die Schule ohne jegliche Schwierigkeiten meistert. Die Geschwisterkinder mit Lernproblemen bekommen ständig die glänzenden Leistungen von Bruder oder Schwester als leuchtendes Beispiel vorgehalten. Abgesehen davon, daß die Eltern auf diese Weise ein harmonisches Miteinander der Geschwister sehr erschweren, führt diese Art Vergleiche keinesfalls zu mehr schulischem Engagement bei den betroffenen Kindern. In dem Bemühen, die Eltern nicht ständig zu enttäuschen (und auch, um es dem ”Vorbild” gleich zu tun), werden sie sehr schnell von der Realität eingeholt: Auf Grund ihrer vorhandenen Lern-Leistungsschwäche können sie den gestellten Anforderungen nicht genügen und geben dann - früher oder später - resignierend auf.
Wenn Eltern jetzt denken sollten: Wie man es macht, es scheint ja alles falsch zu sein, dann möchten wir an Sie appellieren: Jedes Kind ist ein Individuum, und als solches sollte es behandelt werden! Messen Sie es nicht an anderen und benutzen Sie es vor allem nicht zur Realisierung eigener, nicht wahr gewordener Wünsche und Hoffnungen. Ihre Hilfe sollte das Kind als solche empfinden können und niemals das Gefühl haben, daß die Intensität oder Quantität an liebevoller Zuwendung anhand guter Schulnoten berechnet und verteilt wird. Wenn Sie glauben, bislang so gehandelt zu haben, sollten Sie unbedingt mit Ihrem Kind sprechen und die Verhältnisse altersgerecht klarstellen.
Es ist ganz sicher nicht falsch, wenn Sie an Ihr Kind gewisse Erwartungen haben, wie es sich allgemein entwickeln sollte, wie es sich in der Familie verhalten sollte, welche schulische Laufbahn es einschlagen sollte, usw. Aber denken Sie immer daran, Ihr Kind ist nicht Ihre Zweitausgabe in klein, es soll nicht Ihre späten Träume realisieren, nein, es ist ein eigenständiger Mensch mit eigenen Wünschen und eigenen Vorstellungen zur eigenen Zukunft. Sie dürfen Ihr Kind auf seinem ersten Lebensabschnitt begleiten und dürfen es für seine Zukunft prägen. Halten Sie sich aber stets ehrlich vor Augen, was Sie bei Ihren Eltern als zuviel an “Prägung” empfunden haben und vermeiden Sie dieses “zuviel” bei Ihrem Kind!
|