Carolin
Carolin ist 8 Jahre alt und besucht die 2. Klasse der Grundschule. Sie ist aufgeweckt und intelligent und sich - so ihre Mutter - durchaus der Tatsache bewußt, daß sie Schulschwierigkeiten hat. Die Lehrerin teilt diese Auffassung nicht. Im Halbjahreszeugnis schrieb sie, sie sei im Diktat noch sehr unsicher, lese bekannte wie unbekannte Texte langsam und stockend und verwechsele noch einige wenige Buchstaben. Additions- und Subtraktionsaufgaben gelängen ihr nur manchmal. Die Versetzung scheint zu diesem Zeitpunkt jedenfalls nicht gefährdet.
Frau B. kann diese positive Einschätzung nicht teilen, sie sieht die Situation wesentlich dramatischer. Wie recht sie hat, zeigt sich sehr schnell. Carolin ist, wohlgemerkt gegen Ende der 2. Klasse, nicht in der Lage, einfachste Worte, wie "ist", "der", "im" oder "mit" verläßlich zu lesen oder schreiben. Entsprechend sind die Leistungen im Diktat und eine spontane Antwort auf die Frage, was 2+2 oder 3+5 ist, kommt ebenfalls nie. Dabei ist sie sehr altklug, hat eine hervorragende Ausdrucksweise und einen großen Wortschatz.
Carolin ist umgeschulte Linkshänderin, das heißt, sie schreibt zwar rechts, spielt aber Tennis mit links, benutzte im Kindergarten eine Linkshänderschere, greift noch heute spontan mit der linken Hand und kann, obwohl ungeübt, Spiegelschrift mit der linken Hand schreiben (ein weiterer Beleg für ihre Rechtshirndominanz).
Sie leidet an Legasthenie und Dyskalkulie schwersten Grades. Außerdem liegt der Verdacht auf psychische Blockaden und Nahrungsmittelunverträglickeiten nahe. Um ihr zu helfen, muß ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergriffen werden.
Bei dem Versuch Überkreuzübungen zu machen, gerät Carolin mit Armen und Beinen total durcheinander. Sie ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, in welch großem Maße die Bahnung der Gehirnhälften und dazu noch die richtige Bahnung die kognitive Fähigkeit eines Menschen im positiven Sinne beeinflussen kann.
Nach einer (kinesiologischen) Bahnung ihrer Gehirnhälften wird ihr auditives Lernvermögen beim "Kofferpacken (1)" auf die Probe gestellt. Sie kann sich 6 Begriffe merken (Kamm, Brille, Buch, Hose, Krokodil, Baum).
Im visuellen Test mit Bildkärtchen, den sie natürlich nicht als solchen empfindet, merkt sie sich, nach 1 Minute anschauen, 11 von 15 Begriffen! Langsam beginnt sie wieder, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu fassen: Ohne Selbstvertrauen keine positiven Ergebnisse.
Nach dem expliziten Spielen erzeugen wir bewußt Streß: “So, jetzt arbeiten wir richtig!”: Carolin soll kleinste Rechnungen (3 + 2 oder 4 + 5) bewältigen - und versagt völlig! Selbst 2 + 2 muß sie mühsam an den Fingern abzählen (am Ende der 2. Klasse!). Ganz offensichtlich ist die Schule, wenn nicht der, so doch zumindest ein großer Streßfaktor
Wie sich herausstellt, wird in der Familie nie über Schwächen oder Ängste gesprochen, die hat man nicht. Ebenso wenig haben die Eltern Unsicherheiten oder Probleme - es sind Übereltern. Der Vater sagt seinen Kindern wörtlich: Ich weiß alles und kann alles. Erfreulicherweise stellen Carolins Eltern ihr Verhalten von heute auf morgen um. Sie nutzen jede Möglichkeit, der Tochter klarzumachen, daß auch sie nicht alles können und wissen!
Hatte Carolin am Anfang noch kalte, nasse Hände, wenn es "zur Sache", an schulische Dinge ging, so ist nach einiger Zeit die psychische Blockade gelöst, ihre Hände sind warm und trocken.
Bei allen erfolgversprechenden Anzeichen darf nicht übersehen werden, daß wir in jeder Hinsicht noch ganz am Anfang stehen. Erfolge wirken sich noch in keiner Weise auf die Schule aus. Ihre Lehrerin, übrigens eine ausgesprochen einfühlsame Frau, streicht in Carolins Diktaten nicht die Fehler an, sondern zählt die richtig geschriebenen Worte! So hat sie, selbst in einem Bereich, in dem ihre schulisch bewertbaren Fähigkeiten nur als vollkommen ungenügend beurteilt werden können, noch ein gewisses positives Erleben. (Wie so ein Diktat von Carolin zu Beginn unserer Zusammenarbeit aussieht, können Sie sich hier ansehen.)
Es vergeht nicht viel Zeit bis zu der Feststellung, daß trotz Übens zu Hause noch große Konzentrationsstöungen zum Tragen kommen, offensichtlich muß also noch eine andere Blockade vorhanden sein, eine Nahrungsmittelunverträglichkeit...
Wir beginnen mit einer milch- und zuckerfreien Diät. Die Mutter arbeitet nach wie vor engagiert mit und fühlt sich durch gute Erfolge bestätigt. Natürlich bleiben Rückschläge nicht aus, und wenn es am Multivitaminsaft liegt, den Carolin ohne Rückfrage plötzlich zum Trinken erhält. Es ist nicht immer einfach, die Ursache für ein plötzliches Versagen zu finden. Nur nach Diätfehlern zu suchen, wenn es wieder einmal nicht vorangeht, ist nicht immer angebracht, wenngleich es manchmal naheliegend scheint. Rückschläge in Deutsch, nachdem es beim Rechnen so gut ging, haben durchaus auch andere Gründe. So zeigt sich, daß Carolin neben einer ausgesprochenen Wortbildschwäche offensichtlich auch akustische Wahrnehmungsstörungen hat:
Auf die Frage, wie schreibt man Biene, antwortet sie in unsicherem Tonfall: Mit Scharf-S? Es ist ihr einfach nicht möglich, einer Lautäußerung den entsprechenden Buchstaben zuzuordnen. Wir versuchen ”w” zu schreiben, oder ”sch”. Obwohl sie es mehrfach laut ausspricht, hat sie einfach keine Vorstellung davon, wie sie diese Laute in ein Schriftbild umsetzen kann.
In einem Legasthenikerzentrum wurde Carolin Schwerstlegasthenie bescheinigt mit der Prognose, daß sie in Schriftdeutsch nie über einen begrenzten Grundwortschatz hinauskommen werde. Diese Meinung können wir nicht teilen, wenngleich die Fortschritte in Deutsch nur vergleichsweise gering sind, sie sind dennoch gegeben.
Nachdem Carolin durch Bahnung und die positiven Auswirkungen der Diät endlich besseren Zugriff auf immer größere Bereiche ihres geistigen Potentials hat, kommt es in erster Linie darauf an, ihr Selbstvertrauen zu stärken. Die Eltern halten sich ganz offensichtlich auch weiterhin an unsere Vorschläge und bauen dadurch einen nicht geringen Anteil am psychischen Streß ihrer Tochter ab.
Um Carolin Erfolgserlebnisse zu verschaffen, konzentrieren wir uns vorerst auf Rechnen, weil sie hierbei auf unsere Hilfen sehr schnell anspricht. Es stellt sich heraus, daß ihr selbst elementarste Grundbegriffe wie "plus" und "minus" mit ihrer Bedeutung im Rechenprozeß völlig unbekannt sind. Sie ist nicht einmal in der Lage, sich deren Bedeutung von jetzt auf dann zu merken. Die anfänglichen Erfolge beim Addieren der Würfel-Punktzahlen sind offensichtlich zu relativieren: Nachdem beim Punktezählen kein Wechsel der Rechenart (von plus nach minus) vorkommt, entfällt ein Streßmoment, und es kann immer mit der selben Vorgehensweise gearbeitet werden.
Da Carolin sehr logisch denken kann, wenn mögliche Störfaktoren minimiert sind, versuche ich es mit einer logischen Erklärung: Für das Kreuz von plus braucht man mehr Tinte, das Ergebnis wird also mehr oder größer, für den Strich von minus braucht man weniger Tinte, das Ergebnis wird also weniger oder kleiner (Striiiich und miiiinus und weniiiiger haben jeder ein "i"!).
Bei dieser Merkhilfe werden zwar nicht alle wesentlichen Faktoren angesprochen, es fehlt noch die Verknüpfung von Addition mit plus und Subtraktion mit minus, aber sie reicht aus, um Carolins Unsicherheit binnen einer Stunde zu beseitigen. Für einen ausgesprochen visuellen Lerntyp, wie es Carolin als Legasthenikerin ist, ist die vorwiegend auditive, also gesprochene (wenngleich ständig wiederholte) mündliche Erläuterung in der Schule nicht ausreichend zum Verständnis: Addition: Addieren bedeutet zusammenzählen, das Zeichen heißt plus, oft auch "und" genannt und wird als Kreuz geschrieben. Das gleiche in grün für die Subtraktion. Wie soll solch ein armer Wurm, für den Begriffe wie die oben genannten (und nicht nur sie), genau so informativ sind wie für den durchschnittlichen Mitteleuropäer chinesische Schriftzeichen, wie soll er die Aufgabe lösen: 6 + 3 - 4? Subtraktion? Addition? - Konfusion!
Jedoch: Mit entsprechender Hilfestellung ist auch dieses Problem lösbar!
Wortblindheit ist nicht nur auf geschriebene Worte beschränkt, das Erkennen von Zahlen kann genauso davon betroffen sein. Und auch hier bleibt die arme Carolin nicht verschont. War zu Beginn bei Rechenfehlern die Annahme naheliegend, Carolin könne eben nicht rechnen, zeigte sich dann, als das Rechnen weiterhin fehlerbehaftet blieb, daß die Ursachen an anderer Stelle zu suchen waren.
Damit war klar: Carolin kennt auch die Zahlen nicht verläßlich. Um ihr hier weiterzuhelfen, müssen wir also eine Verbindung zwischen der Zahl, ihrer Wertigkeit und ihrem Namen schaffen. Dies gelingt mit den Fingerbildern. Für Carolin ist alles ein Spiel. Lachend überwinden wir jedes Problem oder besser ausgedrückt: Wir lassen gar kein Problem entstehen. Wenn sie etwas in der Schule nicht versteht, dann nicht deshalb, weil ihr IQ nicht ausreichte, sondern weil es ihr nicht entsprechend ihrem Lerntyp erklärt wurde. Das zeigt sich beim Rechnen über die 10 hinaus. Dieser Rechenvorgang will ihr einfach nicht einleuchten. Deshalb wenden wir bei ihr mit Erfolg die Fingermuster an, erstmals wird Rechnen für sie begreifbar.
So begeisternd diese Fortschritte sind, darf doch nicht übersehen werden, daß sich Carolin in der zweiten Hälfte des zweiten Schuljahres mit einem Stoff herumschlägt, der bereits seit einem Jahr beherrscht werden müßte. Es ist vollkommen ausgeschlossen, sie in der verbleibenden Zeit auf einen Stand zu bringen, der es ihr erlauben würde, an das Bewältigen der dritten Klasse auch nur ansatzweise zu denken.
Die einzige Möglichkeit, die die Eltern akzeptieren, Carolin wiederholt die zweite Klasse, und während der Sommerferien erarbeiten wir den Stoff der ersten Klasse so weit, daß sie zu Beginn des neuen Schuljahres auf dem gleichen Stand ist wie ihre neuen Klassenkameraden in der jetzigen ersten Klasse.
Vor Deutsch hat sie große Angst. Ich versichere ihr, daß sie Deutsch genau so gut lernen wird wie Rechnen. Schließlich hat sie hier gezeigt, wie gut sie denken kann. Für sie ist das ständige Ermuntern, Loben, Anspornen bei geringsten Fortschritten ein unabdingbarer Beitrag zum Überwinden ihrer Lernschwierigkeiten.
Wir beginnen mit Deutsch erst am Anfang der Sommerferien. Lesen ist noch recht problematisch, während das Schreiben schon ganz gut geht. Mit Schreiben ist dabei nur die reine Wiedergabe der Buchstaben gemeint. Sinnvoll schreiben ist ihr noch nicht möglich. Sie bringt nicht einmal "der" oder "er" oder "ist" richtig auf das Papier. Aus "er" wird "r", aus "ist" wird "sit", usw.
Wir kommen nur langsam voran, wenngleich Fortschritte nicht zu übersehen sind. Carolin muß psychisch aufgebaut werden. Je sicherer sie sich ihres ureigensten, persönlichen Wertes bewußt wird, desto besser werden ihre Ergebnisse. Das zeigt sich an den Diktaten, die wir immer wieder üben, auch wenn es Texte aus der ersten Klasse sind, sie macht nur noch ganz wenige Fehler. Nach den Ferien schreibt sie so schwere Worte wie: Rosenkohl, Kartoffel, Weißkohl, Möhren.
Ihre Fähigkeiten in Rechnen hat sie behalten, obwohl wir in all den Wochen nur Deutsch geübt haben. Sie ist, das zeigt sich deutlich, nicht die Schnellste, liegt aber in vertretbarem Rahmen. Trotz des nicht geringen Arbeitsaufwandes, noch dazu in den Ferien, ist sie voller Begeisterung dabei und bedauert nach jeder Stunde, daß das Lernen schon wieder vorbei ist. Zum Beginn des neuen Schuljahres ist sie voller Freude, daß sie jetzt mit dem gleichen Wissensstand wie die anderen anfangen kann.
Schon bei der ersten Mathearbeit in der zweiten Klasse erreicht sie 47 von 56 Punkten! So sehr sie früher das Rechnen gehaßt hat, so sehr liebt sie es jetzt.
Wenn die Eltern den eingeschlagenen, überaus erfolgversprechenden Weg weitergehen, wenn die Diät konsequent eingehalten wird, wenn sie bereit sind, mit Carolin mit viel Aufwand und noch mehr Geduld weiterzulernen und vor allem, wenn ihr schwerwiegender emotionaler Streß erspart bleiben kann, dann sollte einer normalen Schulkarriere nichts im Wege stehen. ................
Auf diesem Stand hatten wir das Kapitel vor Jahren abgeschlossen. Heute gehört das Thema Carolin zu unseren negativsten Erinnerungen. Etwa zur Halbzeit der zweiten Klasse mußten wir Carolins Mutter mit sehr begründeten Verdachtsmomenten konfrontieren, die zur Folge hatten, daß sie jeden Kontakt zwischen Carolin und uns nachhaltig unterband! Der Versuch, dem Kind über die Behörden zu helfen, schlug fehl, man ließ uns abblitzen. Das ist sehr lange her - heute würden wir uns Gehör verschaffen! Aber es schmerzt noch immer.
Die schulischen Leistungen der Kleinen brachen völlig ein und sie besuchte jahrelang die Sonderschule. Glücklicherweise fand sie nach Jahren doch wieder den Anschluß an die Hauptschule, an der sie - mehr schlecht als recht - ihren Abschluß machen konnte.
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Merke: Legasthenie und Dyskalkulie, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und psychische Blockaden - Carolin ist mit fast allem geschlagen, was man sich bei einem Kind an negativen Voraussetzungen nur vorstellen kann. Aber auch bei ihr zeigt sich, daß Legastheniker - werden nur beizeiten die richtigen Wege beschritten - durchaus reelle Zukunftschancen haben! Tragisch ist nur ihr persönliches Schicksal, bedingt durch die Weigerung der Mutter, Realitäten anzuerkennen und notwendige Konsequenzen zu ziehen. Und leider haben damals die Stellen, die es eigentlich besser wissen müßten, trotz unserer Bitten nicht reagiert!
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